Versöhnung über Grenzen hinweg

Infotafel am historischen Lehrpfad in Jachymov

Von der Joachimsthaler Hölle bis zur grenzüberschreitenden Versöhnungsarbeit reichte das Themenspektrum bei der Tagung der Arbeitsgemeinschaft für kirchliche Gedenkstättenarbeit, die Anfang März im Dekanat Weiden stattfand. Rund zwanzig Mitarbeitende aus Gedenkstätten in Dachau, Ravensbrück, Neuengamme, Berlin und Nordrhein-Westfalen hatten sich dazu auf den Weg nach Flossenbürg in die Oberpfalz gemacht. Anlass war der Start des Projektes für Grenzüberschreitende Jugendarbeit im Evangelisch-Lutherischen Dekanat Weiden im Dezember vergangenen Jahres.
Bei einer Exkursion nach Tschechien widmeten sich die Teilnehmer einem dunklen Kapitel der Nachkriegsgeschichte. Gemeinsam mit Michael Rund, Leiter des Museums in Sokolov (Karlsbader Region) machte sich die Gruppe auf Spurensuche nach den letzten Zeugnissen des Uranbergbaus in Jáchymov in Nordwestböhmen, ehemals Joachimsthal. Von 1945 bis Anfang der 1960er Jahre wurden in der „Joachimsthaler Hölle“ Zwangsarbeiter eingesetzt, um das Atomprogramm der Sowjetunion voranzutreiben. Rund 1100 km an Stollen trieben sie in die Berge in der Region. Sie sind Zeichen für die Verwundungen, die das damalige Regime bei den Menschen hinterlassen hat. Denn viele von den dort inhaftierten Kriegsgefangenen und politischen Häftlingen überlebten die unmenschlichen Arbeitsbedingungen nicht oder starben Jahre später an den Folgen der radioaktiven Verstrahlung.
Eine kleine Ausstellung und ein Lehrpfad erinnern heute an ihr Schicksal. Auch wenn das Thema nach wie vor gern verschwiegen werde, gäbe es heute ein wachsendes Interesse an der Aufarbeitung dieser Geschehnisse, berichtete Michael Rund.
Die Bedeutung von Versöhnung und Gesprächen auf Augenhöhe unterstrichen auch die Begegnungen mit dem evangelischen Pfarrer Petř Tomašek in Cheb, ehemals Eger, und Zeitzeugen aus dem zerstörten Dorf Paulusbrunn. Auf dessen Existenz weisen heute lediglich eine Steinsäule und ein Friedhof hin. Die Bewohner der ehemaligen Streusiedlung auf der tschechischen Seite der Grenze wurden nach Kriegsende vertrieben, sämtliche Häuser dem Erdboden gleich gemacht. Lediglich den Kirchturm nutzten die Grenzsoldaten zunächst noch als Wachturm. Ferdinand Zwerenz und Ingrid Leser leben heute in unmittelbarer Nähe in Bärnau in Deutschland. Doch sie stellen fest: „Die Menschen, die von Paulusbrunn wissen, werden immer weniger.“
Umso wichtiger ist es, Kinder und Jugendliche an die Geschichte heranzuführen, waren sich die Tagungsteilnehmer einig. Dazu sei unter anderem eine Wanderung mit Jugendlichen entlang der Grenze geplant, erläuterten Pfarrer Petř Tomašek und Tanja Fichtner, Projektreferentin für Gedenken und Versöhnung bei der Evangelischen Jugend im Dekanat Weiden. „Tschechische und deutsche Jugendliche machen sich gemeinsam auf den Weg und dokumentieren die Stationen ihrer Wanderung mit einem Fotoprojekt.“ Einer von vielen kleinen Schritten hin zur Versöhnung.


Susanne Götte